Borderline
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Stuttgart

Leben mit Borderline - eine Betroffene berichtet

Was es heißt mit Borderline zu leben kann wirklich nur nachvollziehen, wer selbst Betroffene/er ist.

Schon meine Geburt stand unter keinem guten Stern. Ich kam als zweites Mädchen von dreien schon kränklich auf die Welt und hatte schon als kleines Kind unschöne Erlebnisse in meiner Familie. Der Vater vollkommen überfordert mit uns drei Mädchen und dem Alkohol nicht abgeneigt, die Mutter, die aus finanziellen Gründen mitarbeiten musste und uns Kinder in die Obhut des meist angetrunkenen oder betrunkenen Vaters zu geben. In dieser Zeit passierte auch der „Unfall“ wie ich es bis heute nenne mit meinem Vater. Gewiss er hat es sicher nicht mit Absicht gemacht, aber letztendlich war es für mich ein Schockerlebnis, von dem ich mich bis heute nicht erholt habe.

Ja und als ob das nicht genügt, hat man mich auch noch nicht ernst genommen, über mich gelacht und ich musste schon früh lernen, mich gegen meine beiden Schwestern zu behaupten und mich durchzukämpfen.

Die Schule habe ich ganz gut geschafft, litt aber in der Pubertät unter Akne und fettigen Haaren, was mir den Hohn und Spott der Mitschülerinnen einbrachte.

Meine erste Lehre war schon schwierig, weil ich mit meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn meinen Chef verärgert habe und der mich nicht nach der Lehre übernahm. Mit 16 Jahren lernte ich meinen ersten (schwierigen Mann, der in der JVA einsaß und auch mit enormen Alkoholproblemen zu kämpfen hatte) kennen über eine Anzeige in einer Zeitschrift und es begann eine aufregende, stürmische, verletzende und letztendlich tödliche Liebe und Ehe. Nach 9 Jahren trennte ich mich räumlich von ihm, schaffte es aber nicht, mich endgültig zu trennen. Im 10ten Ehejahr hat sich mein Mann dann erhängt, es war furchtbar, ich habe diesen Mann sehr geliebt und gehasst gleichzeitig und ich fühlte mich schuldig an seinem Tod, weil ich versagt hatte und ihm offenbar nicht das geben konnte, was er gebraucht hätte.

Ich ging zu einem Nervenarzt, der mich aber beruhigte und sagte, das mich keine Schuld treffen würde und nach zwei weiteren Sitzungen war die Sache dann auch schon wieder beendet, ohne das mein Seelenleben weiter betrachtet wurde. Also lebte ich weiter wie bisher und merkte halt von Zeit zu Zeit, das ich wohl irgendwie anders war und das es die Menschen in meiner Umgebung nicht leicht mit mir hatten, weil ich als trotzig, stur und launisch galt.

Ach ja fast hätte ich es vergessen, in dieser ersten Ehe wurde ich nach einer Hormonbehandlung schwanger, verlor das Baby aber im fünften Monat und wie sich herausstellte, wäre dieses Kind zu 100 % behindert gewesen und es sei mir viel erspart geblieben, meinte der Arzt fürsorglich. Für mich brach damals eine Welt zusammen und mit diesem ungeborenen Kind starb auch ein Teil von mir. Wieder hatte ich versagt, konnte keine Kinder mehr bekommen. Ich gab mir die Schuld, auch nachdem im Nachhinein festgestellt wurde, dass es eine Chromosomenstörung seitens des Mannes gewesen ist.

Nach zwei Jahren Trauer bin ich über meinen Arbeitsplatz mit meinem zweiten auch verstorbenen Mann verkuppelt worden und es folgten wieder zehn Jahre voller Leid, Leidenschaft, Liebe und Elend, denn auch mein zweiter Mann war Alkoholiker und hat sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode gesoffen. Er starb qualvoll an Leberzirrhose und ich hatte ihn zwei Wochen vor seinem Tod noch standesamtlich geheiratet, damit ich versorgt war und ich bekam auch das Haus vererbt, aber keine Witwenrente. Glücklich war ich damit nicht, im Gegenteil, sah ich doch das Haus nicht als mein rechtmäßiges Erbe an und ich war auch hoffnungslos damit überfordert. Also verkaufte ich es nach drei Jahren wieder. Aber die Schuld, dieses Haus den eigentlichen Erben (der Bruder meines verstorbenen Mannes) weggenommen zu haben, blieb. Also wieder versagt auf der ganzen Linie.

Ja und danach war mit Männern erst mal Schluss und nachdem es mir psychisch immer schlechter ging, machte ich auf Anraten einer guten Nachbarin eine Psychotherapie, eine Mischung aus Verhaltens- und Tiefenpsychologie. Diese konnte ich nicht ganz beenden, weil ich nach 6 Jahren Singledasein meinen jetzigen Mann übers Internet kennenlernte und beschloss, zu ihm nach Stuttgart zu ziehen und mir hier einen neuen Therapeuten zu suchen. Bis dahin war die Diagnose Borderline nicht gefallen, aber tief in meinem Innern wusste ich schon lange, das da was mit mir nicht stimmte.

Über meinen Mann kam ich in die „PIA“ die Psychiatrische Institutsambulanz des Bürgerhospitals in Stuttgart und hatte Glück im Unglück. Ich hatte eine ausgezeichnete Psychiaterin, die wohl nach einem sehr intensiven und lang andauerndem  Gespräch sagte, das ich eine Borderline-Störung habe und zwar sei ich eine Emotional instabile Persönlichkeit. Ich hätte sie umarmen können, denn nun hatte mein seltsames Verhalten und die Probleme, die ich all die Jahre mit mir herumschleppte, einen Namen „Borderline“.

Sogleich machte ich mich auf die Suche nach einer oder einem geeigneten Therapeuten und wurde dank der Unterstützung durch meinen ebenfalls psychisch kranken Mann bald fündig. Ich mache nun schon seit einem Jahr eine DBT-Therapie und kann doch einige Fortschritte bei mir erkennen.

Gewiss, ich werde nie ein normales Leben führen können und immer wieder mit den gleichen Problemen konfrontiert werden zumal bei mir eine Mehrfach-Behinderung (also auch körperliche Behinderung) besteht, aber dank der Liebe meines Mannes und dessen Unterstützung sehe ich Licht am Horizont. Heute bin ich eine eher alternde, gelassene und ruhiger gewordene „Borderlinerin“, aber mit meiner Instabilität und dem geringen Selbstwertgefühl muss ich wohl oder übel leben.

Borderliner sind ganz besondere sehr tiefgründige und trotz allem äußerst liebenswerte Menschen, die es verdient haben, auch respektiert und angenommen zu werden und die auch sehr viel Liebe weitergeben.

Hoffentlich wird weiter geforscht, um das Krankheitsbild der Borderliner zu verbessern, das wünsche ich mir für mich und meine Leidensgenossinen- und Genossen so sehr.

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