Borderline
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Borderline und unsere Partnerschaft

Vorausschicken möchte ich, dass ich auch psychisch erkrankt bin – nicht nur meine Frau. Ich leide seit 1981 an einer schizoaffektiven Psychose. Das bringt Probleme mit sich für das Führen einer Partnerschaft, hat aber den großen Vorteil, dass bei uns so kein „Helfergefälle“ entsteht, d.h. die Bilanz zwischen Geben und Nehmen in seelischen Dingen ist bei uns ausgeglichen. Wenn nur ein Partner psychisch erkrankt ist, ist meines Erachtens die Gefahr groß, dass der Eine des Anderen väterlicher Helfer bzw. mütterliche Helferin wird.

Bevor ich meiner Frau begegnete, hatte ich schon mehrere Frauen mit Borderlinestörung gekannt. Schon da hatte ich das Gefühl, dass diese Menschen für mich interessant sind. Ihre große Sensibilität und die Fähigkeit über ihr Seelenleben zu reflektieren und zu sprechen faszinierte mich. Mit meinem heutigen Wissen allerdings weiß ich, dass diese Frauen eher leicht an Borderline erkrankt waren. Aus Berichten habe ich erfahren, dass diese nicht diese enorm unkontrollierten, destruktiven Ausbrüche hatten. Meine Frau bezeichnet sich zum Beispiel als „alternde Borderlinerin“, früher sei sie viel schwieriger gewesen und ihre Wutausbrüche wären weitaus heftiger gewesen.

Meine Frau und ich sind beide um die 50 Jahre alt, haben uns im Februar 2009 kennen gelernt und haben im Oktober 2010 geheiratet. Wir sind uns beide sicher, dass wir in jüngeren Jahren kein Paar geworden wären. Es war einfach Fügung, dass wir uns erst so spät getroffen haben - beide wieder bereit eine Partnerschaft einzugehen.

Ich möchte betonen, dass bei Konflikten mit meiner Frau, diese nie aus heiterem Himmel kommen. Bei den nachfolgenden Gesprächen erkennen wir immer wieder, was den Streit ausgelöst, d.h. getriggert hat und verstehen auch den inneren Zusammenhang. Inzwischen weiß ich ganz gut, welche Themen und Äußerungen bei meiner Frau zu einem „Anfall“ führen, wie sie es nennt. Leider lassen sich diese Auslöser nicht immer vermeiden.

Einerseits, weil ich selbst nicht immer Herr meiner Stimmungen bin und andererseits, weil es nicht gut ist, alles Verhalten dem Partner anzupassen, nur um Streit zu vermeiden. Inzwischen bin ich der Überzeugung, dass Borderline ein übergroßes Bedürfnis nach Zuneigung und Geborgenheit ist. Bei meiner Frau äußert sich dies zum Beispiel in starken Eifersuchtsgefühlen, dass sich aus der Angst vor dem Verlassen werden erklären lässt. Allerdings spielt sie in fast jedem Streit mit dem Gedanken mich zu verlassen, was für mich kein Widerspruch ist. Gott sei Dank haben die Konflikte noch nie lange gedauert. Spätestens am nächsten Tag, haben wir bisher immer wieder zueinander gefunden – aber unsere Ehe ist ja noch jung.

Der zweite Aspekt der sich vielleicht verallgemeinern ließe ist, dass alle Menschen mit Borderline, die ich kenne, an einem stark herabgesetzten Selbstwertgefühl leiden, was zu einem sehr starken destruktiven Umgang mit sich selbst führt – glücklicher Weise verletzt sich meine Frau körperlich nicht selbst. Sie hat andere, sanftere Methoden die übergroßen Spannungen, die sie beherrschen, abzubauen.

Ich bin glücklich mit meiner Frau und stelle fest, dass wir immer besser mit unseren psychischen Erkrankungen zurechtkommen je länger wie zusammen sind. Menschen mit Borderline sind interessante und seelische tiefe Menschen, aber ich weiß auch, dass bei meiner Frau die Erkrankung nicht wirklich stark ausgeprägt ist. Mal sehen, was ich zu diesem Thema in 10 Jahren sagen werde. Es bleibt spannend.

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